Die Stadt Dortmund hat ein wenig schönes, aber sehr besonderes Stadttheater. So jedenfalls die Ansicht eines langjährig dort tätigen Schauspielers. Der Bau sollte ein Provisorium sein, wird aber bereits seit mehr als einem halben Jahrhundert bespielt. Die Bühne ist klein. Ein "Stullenbrett", auf dem sich von 2009 an ein Ensemble unter Leitung des Intendanten Kay Voges um die Erneuerung von Theaterarbeit bemühte. Die Suche nach zeitgemäßen Ausdrucksformen und Stimmen schloss nach Angaben des Intendanten auch den Versuch ein, in einer traditionell hierarchisch strukturierten Organisation Basisdemokratie auszuprobieren.
Re:PLAY dokumentiert den Versuch von Voges & Company, in der letzten gemeinsamen Dortmunder Spielzeit 2019/20 die Erfahrungen aus zehn gemeinsamen Jahren in einem Theaterabend zu bündeln. Eine Liebeserklärung an die Theaterkunst soll es werden; Auszüge aus Anton Tschechows ¿Möwe¿ bilden die Grundlage für ein Stück, dass das Ensemble gemeinsam erarbeitet und das am Ende den Titel ¿PLAY: Möwe | Abriss einer Reise¿ erhält.
Re: PLAY - der Film ermöglicht erkenntnisreiche Einblicke in moderne Theaterarbeit. Eine der beiden Filmemacherinnen, Laura N. Junghanns, gehörte als Regie-Assistentin selbst zu Voges' Ensemble. Dass sie dadurch teilnehmende Beobachterin war, vereinfachte dem Filmteam sicher den sehr guten Zugang zu den Protagonist*innen des Films. Ob Co-Regisseurin Clara Schmieder zufällig den gleichen Namen wie der den Film mitprägende Schauspieler Uwe Schmieder trägt, bleibt offen.
Die Regisseurinnen verweben eine geschickt verdichtete Dokumentation des Erarbeitungs- und Probenprozesses bis zur Premiere mit Interviews, die sie vor allem mit Schauspielern und Dramaturgen führten.
Mehrere Stimmen im Film betonen, Kay Voges lege als Regisseur und Intendant Wert auf Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Sowohl mit dem Ensemble als auch mit den zahlreichen Gewerken, die Theater erst ermöglichen: "Kay sagt ja, dass Theater Teamsport ist - und tatsächlich meint er das," berichtet eine Dramaturgin gleich zu Anfang. Schauspielerin Marlena Keil gibt zu Protokoll, sie habe in Dortmund "wenig bis kein Gehabe einzelner" erlebt. "Das war vermutlich etwas Besonderes." Sowenig sich das von außen auf Herz und Nieren prüfen lässt, so glaubwürdig erscheint es durch die Atmosphäre, die der Film ausstrahlt.
Ebenfalls spürbar: Dortmund mag im tiefen Westen der Republik liegen - doch in der Truppe wie auch im Film sind deutlich gesamtdeutsche Prägungen erkennbar. Einerseits durch die Präsenz ost- wie auch westdeutsche Biografien im Ensemble. Andererseits dadurch, dass die Klammer des Filmes ein Klassiker aus dem Repertoire des in Sachsen beheimateten Liedermachers Gerhard Schöne stammt. "Irgendwann" heißt der Titel, der all die kleinen Dinge feiert, die wir irgendwann in unserem Leben zum ersten, aber eben auch zum letzten Mal tun. "Was Du erlebst, erleb es total / denn alles, alles gibt's ein letztes Mal."
Der 1972 in Düsseldorf geborene Kay Voges gründete 2005 die Freien Bühne Krefeld mit und arbeitete als freier Regisseur unter anderem am Staatstheater Darmstadt, dem Theater Magdeburg, den Städtischen Bühnen Münster und dem Staatsschauspiel Dresden. Dortmund war die erste Intendanz des damals 47jährigen. Gleich zu Beginn seiner Zeit dort initiierte er die Akademie für Theater und Digitalität - und machte die Stadt im östlichen Ruhrgebiet zur ersten Adresse für Experimente im Spannungsfeld zwischen virtuellem Raum und analoger Bühne. Während seiner Intendanz gastierten in Dortmund unter anderem das Künstlerkollektiv Peng! und das Zentrum für politische Schönheit.
Die wohl größte Herausforderung erlebte das Ensemble kurz vor dem Ende der Dortmunder Zeit: Ab dem 17. Mörz 2020 blieb auch das Dortmunder Schauspielhaus infolge der Coronapandemie geschlossen. 10 Wochen später kam das Ensemble unter Social-Distancing-Auflagen zurück, um trotzdem einen würdigen Abschied auf die Bühne zu bringen.
Und so ist die Theaterfamilie doch zusammen, als Voges per Telefon seinen nächsten Ruf erhält: Zur Spielzeit 2020/21 wechselte er als künstlerischer Leiter ans Volkstheater Wien. Seit 2025 ist er Intendant am Schauspiel Köln.